Interview mit Bernd Postai in "Die Wirtschaft" (12. Mai 2017)

Digital transformieren – besonnen, ohne Hysterie aber unverzüglich

„Die Wirtschaft“ im Gespräch mit Unternehmensberater Mag. Bernd Postai über digitale Transformationen, deren Auswirkungen auf die Unternehmen und über eine besondere Veranstaltungsreihe.

 

Interview Herbert Motter

Herr Postai, die Digitalisierung ist längst kein Thema nur für IT Experten. Sie erfasst ganze Wertschöpfungsketten und betrifft somit nicht nur Unternehmensbereiche, sondern alle an der Wertschöpfung beteiligten Einheiten, z.B. auch Zulieferer, Kunden, Partner, Händler etc.  Welche Herausforderungen und Chancen ergeben sich daraus?

Ich stimme Ihnen völlig zu. Wir befinden uns aktuell in einer Phase der „Hyper-Innovation“, die gerade dadurch gekennzeichnet ist, dass sich praktisch alle Elemente des Wertschöpfungssystems gleichzeitig und zum Teil fundamental verändern. Die Digitalisierung ist der Treiber oder Motor dieses Prozesses. Eine zentrale Herausforderung besteht darin, dass es in einer solchen Phase oft schwierig ist, sich zu orientieren. Für Unternehmen stellt sich die Frage: Womit sollen wir anfangen? Was ist das Wichtigste? Wie stellen wir sicher, dass wir nicht aufs „falsche Pferd“ setzen? Es geht um Überblick und Vorausschau. Darum, nicht in operative Hektik zu verfallen, und darum, nicht die Augen davor zu verschließen, dass praktisch jede Branche und jeder Bereich von der Digitalisierung erfasst wird. Die Chancen liegen darin, sich zu behaupten, weiter ein Player zu sein und u.U. – weil man es geschafft hat, sich anzupassen – die Marktanteile jener einzusammeln, denen das nicht gelungen ist.

 

Die Angst vor Veränderungen ist ein Faktor, der Unternehmen immer wieder daran hindert Neuerungen einzuführen. Wie dramatisch ist es, diesen Wandel nicht oder zu langsam mitzumachen?

In vielen Branchen – das klingt jetzt sehr apokalyptisch – geht es um „Sein oder Nichtsein“. Beispiele dafür, dass es zum Teil tatsächlich um existenzielle Fragen geht, lassen sich leicht finden. Etwa im Bankgeschäft: Kunden kommen weit weniger in die Filialen, als das in der Vergangenheit der Fall war, der Zahlungsverkehr und andere traditionellen Kernleistungen von Banken werden von alternativen Lösungen abgelöst u.s.w. Banken, die das nicht verstanden haben oder eben zu spät damit begonnen haben, sich darauf einzustellen, werden verschwinden. Aber auch in produzierenden Unternehmen, gehen die notwendigen Veränderungen weit über das klassische Automatisieren hinaus. Z.B. geraten die etablierten Händlerstrukturen unter Druck weil sich neue Wettbewerber zwischen Produzenten und Kunden drängen, die über unvergleichliche Marktmacht verfügen. Wenn beispielsweise Amazon verstärkt ins B2B-Geschäft einsteigt und etwa Handwerker und Gewerbebetriebe direkt beliefert, ändert das die Spielregeln fundamental. Es würde in diesem Rahmen aber zu weit führen da in die Tiefe zu gehen. Auf Ihre Frage zurückkommend: Ich denke, man sollte sich weniger vor den möglicherweise unangenehmen Veränderungen fürchten. Vielmehr sollte man sich vor den Konsequenzen fürchten, wenn man sich jetzt nicht adäquat mit den aktuellen Entwicklungen auseinanderzusetzt. Adäquat heißt dabei für mich auch: besonnen – ohne Hysterie und Hektik, aber unverzüglich. Churchill soll seinen Fahrer, wenn es schnell gehen sollte, jeweils mit den Worten angewiesen haben: „Fahren Sie langsam, ich habe es eilig“.

 

Nahezu kein einziges Geschäftsmodell wird in zehn bis 15 Jahren noch genauso sein wie es sich heute präsentiert. Wie gut sind ihrer Meinung nach die Vorarlberger Unternehmen auf die Auswirkungen dieser Umbrüche vorbereitet?

Es wäre vermessen, dazu ein umfassendes Urteil abzugeben. Wir dürfen eine Reihe von Unternehmen in Vorarlberg in verschiedenen Fragestellungen unterstützen und bekommen dadurch umfassende Einblicke. Wenn ich diese Unternehmen mit jenen in anderen Ländern und Regionen vergleiche, in denen wir tätig sind, fällt mir zunächst auf, dass fast alle etablierten Unternehmen, mit dem Thema „kämpfen“ – nicht nur in Vorarlberg. Das hat viele Ursachen: Eine ist sicher, dass man sich innerhalb der Unternehmen nicht einig ist, wie ernst die Digitalisierung genommen werden soll und wie nachhaltig sie ist. Schließlich kennen wir alle jemand, der gerade wieder begonnen hat, persönlich ins Reisebüro zu gehen, Briefe zu schreiben und sie zur Post zu tragen. Auch hören wir oft, dass für alle Zukunft gilt: wenn es um wirklich Wichtiges geht, wollen die Leute mit jemandem reden, der einem gegenübersitzt, der greifbar ist. Das ist Unfug, aber es wirkt – leider in die falsche Richtung. Hinzu kommt, dass der Erfolg der Gegenwart, der größte Widersacher auf dem Weg zur Veränderung ist. Heute bereits gut angepasste Unternehmen, sind oft solche, die in Krisen gezwungen waren, sich etwas zu überlegen, also die Dinge mal anders anzugehen und da rein zu schneiden, wo es weh tut.

 

Wie lassen sich neue digitale Geschäftsmodelle entwickeln und Prozesse optimieren?

Da gibt es keine ganz kurzen Antworten. Zunächst: Es kommt darauf an, in welcher Ausganglage ein Unternehmen steckt. Ob es klein und eigentlich (noch) ein „Start-up“ oder ein großes etabliertes Unternehmen ist, das seit Jahrzehnten weiß, wie es geht und mehr oder weniger alles richtig macht. Relativ leicht ist die Frage zu beantworten, wie es nicht geht: z.B. indem man Digitalisierung zur Aufgabe der IT macht. Nach dem Motto: „Es geht ja um Software und Computer“. Oder: Indem man den Job an eine kleine Gruppe von „Verrückten“ oder an „die Jungen“ delegiert. Man schickt ja in stürmischer See auch nicht den Kapitän ins Casino und holt eine Truppe junger Matrosen auf die Brücke. Die digitale Transformation ist Chefsache. Wenn er dazu nicht in der Lage ist, muss man über den Chef nachdenken.

 

Selbstfahrende Autos, künstliche Intelligenz, 4D-Druck oder etwa Roboter, die komplette Fertigungslinien „entmenschlichen“ werden. Wie weit ist die digitale Transformation aus Ihrer Sicht denn schon fortgeschritten?

Wir stehen da meiner festen Überzeugung nach, noch sehr in den Anfängen. Ja, wir digitalisieren schon lange, aber auf einem geradezu lächerlichen Niveau, wenn man an die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz denkt. Man muss nur zurückblicken, um eine Ahnung davon zu bekommen, was da noch geht. Ich hatte Ende der 80er an der ETH-Zürich die Chance mit Kollegen in den USA zu „chatten“ und sehr früh mit dem Internet in Kontakt zu kommen. Wir fanden das alle toll, aber ich hatte nicht den Hauch einer Idee, was daraus werden würde. Siri, Alexa und Cortana fühlen sich aktuell wie eine nette Spielerei an, die niemand so richtig braucht. Man muss aber kein Prophet sein, um zu wissen, dass das nicht lange so bleibt.

 

Sie starten eine Workshopreihe zur erfolgreichen Digitalen Transformation. Was ist die konkrete Zielsetzung dahinter?

Es besteht derzeit an sich kein Mangel an Veranstaltungen, die sich mit Digitalisierung auseinandersetzen. Da treten dann oft die Stars der Start-up-Szene auf und erzählen einem begeisterten Publikum, wie sie es geschafft haben, ihre Idee zu einem erfolgreichen digitalen Unternehmen zu machen. Die Übertragbarkeit dieser Erfahrungen und Ansätze auf ein klassisches Unternehmen, die bei dieser Gelegenheit gerne als Tanker verunglimpft werden, ist begrenzt. Es werden Dinge miteinander gleichgesetzt, die nicht verglichen werden können. Eine Bank ist keine Garagenbude. Ein Metallverarbeiter mit tausenden Mitarbeitern wird mit den Management- und Führungsmethoden eines Start-ups nicht lange glücklich werden. Und schon gar nicht, wird ein solches Unternehmen mit diesen Ansätzen, die digitale Transformation meistern.

 

Wir wollen dazu eine seriöse Alternative bieten und für etablierte Unternehmen eine Plattform schaffen, in deren Rahmen die Teilnehmer zunächst das erforderliche Grundwissen zu aktuellen Entwicklungen aufnehmen. Danach geht es darum, dieses einzuordnen: Was heißt das für uns? Können wir das nutzen? Wie, mit welchem Nutzen und zu welchen Kosten? Das soll in einem offenen Erfahrungsaustausch auf Augenhöhe passieren. Keiner weiß wirklich, wie es geht und was da genau kommt. Wir lernen das alle gerade. Aber, wir lernen schneller, wenn wir unsere Erfahrungen teilen. Und wir müssen dranbleiben: Zwei Tage Intensivseminar sind zwar inspirierend, reichen aber in keiner Weise aus. Die digitale Transformation braucht Ausdauer, braucht anhaltende Aufmerksamkeit einer kritischen Menge von Menschen in den jeweiligen Unternehmen. Wir hoffen, dass unsere Workshopreihe, die sich über ein ganzes Jahr erstreckt, aufgrund des Settings genau das unterstützt. Der „Wirkfaktor“ unserer Veranstaltung sind die Teilnehmer: Es sind die Verantwortlichen für die Veränderung aus einer Reihe von Top-Unternehmen des Landes.